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Mit welchen Schwierigkeiten viele Autisten im Arbeitsleben zu kämpfen haben, darüber hatte ich bereits geschrieben. Doch vorher gilt es erst einmal, die ganze Schulzeit durchzustehen. Und schon die ist für nicht wenige von uns alles andere als leicht und unbeschwert. Ausgehend von meinen eigenen Erfahrungen sowie Schilderungen anderer Autisten, möchte ich im Folgenden einmal ausführen, was Schulen im Hinblick auf autistische Schülerinnen und Schüler besonders beachten sollten.

Die meisten Kinder und Jugendlichen mit dem Asperger-Syndrom besuchen eine Regelschule, da diese vom Intellekt her auch am ehesten Frage kommt. Auch wenn auf einer Förderschule vielleicht noch besser auf ihre besonderen Bedürfnisse eingegangen werden kann und eine sensorische und soziale Überforderung hier viel weniger ein Thema wäre, kann dennoch einiges getan werden, um ihnen den Besuch der Regelschule so problemlos wie möglich zu gestalten.

Die wichtigste Voraussetzung hierfür ist zunächst einmal eine grundsätzliche Offenheit von Seiten der Schule gegenüber Andersartigkeit. Ob es sich nun um Neurotypische, Autisten, Hochbegabte, AD(H)Sler oder Menschen mit abweichender Seinsweise welcher Art auch immer handelt: Die einzelnen Schüler müssen mit all ihren individuellen Stärken, Schwächen und Eigenarten angenommen werden, es muss die Bereitschaft gezeigt werden, sie auch mit ihren Schwierigkeiten ernst zu nehmen und auf sie einzugehen. Jeder einzelne hat das Recht, in seiner Einzigartigkeit respektiert zu werden, ohne ihn in irgendein maßgeschneidertes Schema pressen zu wollen. Auf Schulen, die großen Wert auf Konformität und Gemeinsinn legen, sind Autisten nicht gerade gut aufgehoben.

Soziales Miteinander

Ganz wichtig ist hierbei vor allem Verständnis für bestimmte Bedürfnisse. Wie wir alle wissen, bestehen die größten Schwierigkeiten autistischer Menschen in der sozialen Interaktion mit anderen. Viele Kinder und Jugendliche mit Autismus wünschen sich sehnlichst Freundschaften, scheitern aber immer wieder daran, welche herzustellen. Andere können sehr gut für sich alleine sein und sind zufrieden damit, ihr Pausenbrot abseits der anderen zu genießen und sich nichts als den eigenen Gedanken hinzugeben. Mir persönlich ging es damals so – die anderen waren einfach zu unterschiedlich, in meinen Augen zu oberflächlich, als dass ich mit ihnen irgendwelche tiefergehenden Beziehungen hätte eingehen können. Doch wie oft bekam ich zu hören, ich solle mich um mehr Kontakt zu meinen Klassenkameraden bemühen und darum, mich in den Klassenverband zu integrieren. Doch so einfach geht das nicht – wir ticken eben anders! Es mag sein, dass man zu dem einen oder anderen ein wenig Kontakt bekommt und sich gut versteht, aber oftmals bleibt da immer noch dieses undefinierbare Gefühl, trotz allem nicht richtig dazuzugehören, als wäre man durch eine unsichtbare Wand von allen anderen getrennt. Liebe Lehrkräfte, dies ist keine Frage des Bemühens, sondern einer abweichenden neurologischen Verschaltung! Und deswegen meine Bitte, die ich gar nicht oft genug wiederholen kann: Akzeptiert es, wenn jemand lieber für sich alleine ist, und zwingt denjenigen nicht zum Socializing, was ihn eh nur frustriert und überfordert. Denkt daran: Alleinsein ist nicht gleichzusetzen mit Einsamkeit, und nur wenn letzteres vorliegt, besteht überhaupt Bedarf, an der Situation etwas zu ändern. Mit etwas Glück findet sich vielleicht ein Mitschüler, der die Interessen des Autisten teilt und mit dem man sich etwas anfreunden kann – eventuell können Lehrer, die von den Interessen ihrer Schüler wissen, hier auch den einen oder anderen Kontakt vermitteln. Oder man besucht eine AG und lernt darüber Leute kennen, mit denen man eine gemeinsame Basis hat. Auf jeden Fall lässt sich Dazugehörigkeit nicht erzwingen – die Chemie muss einfach stimmen!

Solange der Autist also mit seiner Situation zufrieden ist, ist alles in Ordnung. Ein Problem jedoch, von dem die allermeisten Autisten irgendwann im Laufe ihrer Schulzeit mehr oder weniger betroffen sein dürften, ist Mobbing. Auch ich blieb davon nicht verschont – mehr dazu werde ich noch in einem gesonderten Artikel schreiben. Es ist immer wieder schockierend, wie grausam Kinder sein können, wie sie regelrecht Freude daran finden, andere zu quälen, zu schikanieren und zu demütigen. Neurotypische sind davon ebenso betroffen, doch Autisten, die durch ihre Andersartigkeit immer irgendwie auffallen, sind geradezu ein gefundenes Fressen für die Täter. Beleidigungen, Ausgrenzung, körperliche und verbale Angriffe – Mobbing kann verschiedene Formen annehmen. In jedem Fall macht es dem Betroffenen den Schulalltag zur Hölle.

Ganz wichtig ist hier vor allem eine erhöhte Aufmerksamkeit von Seiten der Lehrer. Nicht immer ist Mobbing auch auf den ersten Blick zu erkennen – manchmal spielt es sich auch so subtil ab, dass die Lehrer es gar nicht als solches begreifen. Besonders problematisch ist auch, dass gerade Autisten in solchen Fällen oft nicht oder erst viel zu spät realisieren, was dort gegen sie läuft. So etwas lässt sich nur durch absolute Wachsamkeit und ein konsequentes, hartes Durchgreifen verhindern. Solch ein Verhalten darf auf gar keinen Fall toleriert werden – Schüler, die ihren Lehrern von Mobbing berichten, müssen ernst genommen werden. Keinesfalls dürfen solche Probleme verharmlost und das Opfer damit alleingelassen werden. Lehrer sollten auch bedenken, dass ihre Einstellung dem Schüler und seinem andersartigen Wesen gegenüber auch immer ein Signal für die Mitschüler darstellt: Lässt ein Lehrer in seinen Äußerungen selbst mangelndes Verständnis für den betreffenden Schüler und seine Schwächen erkennen, so wird dies von den Mitschülern geradezu als Ermutigung, als Freifahrtschein aufgefasst, mit ihren Hänseleien fortzufahren.

Sensorische Besonderheiten

Selbst wenn das soziale Drumherum stimmt, der Autist in seiner Klasse angenommen wird und sich wohlfühlt, stellt ihn das Lernen in einer solchen Umgebung immer noch täglich vor eine große Herausforderung. Ein nicht zu vernachlässigendes Problem stellt für viele Autisten ihre mehr oder weniger ausgeprägte Reizfilterschwäche dar. Ein neurotypisches Gehirn ist in der Lage, einströmende Reize in wichtig und unwichtig zu filtern. So ist es für die meisten Menschen kein Problem, eine Unterhaltung zu führen, während gleichzeitig im Hintergrund Musik läuft oder sonstige Geräusche zu hören sind. Nicht so jedoch Autisten – sie können störende Reize nicht einfach ausblenden. Sämtliche sensorischen Informationen – taktile, akustische, visuelle – werden mit der gleichen Intensität aufgenommen, alles verschwimmt zu einem einzigen Wirrwarr aus Sinneseindrücken. Nun kann man sich vorstellen, was es für einen Autisten bedeutet, in einem Klassenzimmer mit an die dreißig Schülern und dementsprechender Lautstärke sitzen zu müssen: Ständig Stühlerücken, Papierrascheln, und, am allerschlimmsten, sich die ganze Zeit unterhaltende Mitschüler. Unter diesen Bedingungen konzentriert arbeiten? Unmöglich!

Nicht nur, dass eine dauerhafte Reizüberflutung das Lernen erheblich beeinträchtigt – was selbst für neurotypische Menschen auf Dauer unangenehm wird, ist für einen Autisten die reinste Qual. Als Folge einer sensorischen Überlastungssituation, einem sogenannten Overload, kann es zu dem kommen, was man in Autistenkreisen einen Meltdown nennt, eine “Kernschmelze im Kopf”. Was von außen wie ein heftiger Wutanfall aussieht, ist in Wahrheit eine unkontrollierbare Reaktion, die aber keinesfalls als beabsichtigt und bösartig aufgefasst werden darf! Das Kind kann nichts dafür, es kann Reize einfach nicht regulieren, und es dafür noch zu bestrafen, wäre das größte Unrecht, das man ihm antun kann. Andere reagieren auf eine solche Situation mit einem Shutdown, einem Rückzug in sich selbst, bei dem sie komplett abschalten und unfähig sind, auf Ansprache von außen zu reagieren. Auch hier muss betont werden, dass dieser Zustand nicht der Kontrolle des Betroffenen unterliegt und es sich nicht um Sturheit oder Verweigerung handelt, wie Außenstehende wahrscheinlich denken werden.

Damit es erst gar nicht so weit kommt, muss alles dafür getan werden, den Geräuschpegel im Klassenzimmer so niedrig wie möglich halten. Leider ist dies nun leichter gesagt als getan, wie ich aus eigener Erfahrung berichten kann. Wenngleich auch manche Lehrpersonen eine starke Autorität ausstrahlen und die Klasse mühelos im Griff haben, ist dies bei anderen überhaupt nicht der Fall. Durchsetzungsvermögen ist hier gefragt, damit auch nicht mehr geredet wird als unbedingt notwendig. Natürlich gibt es Situationen, etwa bei Partner- und Gruppenarbeiten, in denen man sich miteinander besprechen muss und dementsprechend auch Hintergrundgemurmel ertragen muss. Doch während Stillarbeitsphasen und wenn der Lehrer vorne steht und redet, sollte auch Ruhe herrschen.

Am besten wären freilich möglichst kleine Klassen, doch dies ist an Regelschulen aufgrund von Personalmangel wohl kaum zu realisieren. Doch selbst wenn man die Klassenstärke auf höchstens zwölf oder achtzehn Schüler reduzieren könnte, wäre dies für manch einen Autisten immer noch zu viel. Da sich sensorische Überforderungen in einem regulären Klassenzimmer wohl niemals ganz ausschließen lassen, halte ich es für sehr wichtig, dem Schüler bei Bedarf auch Rückzugsmöglichkeiten zu bieten. Wird es ihm in der Klasse zu viel, sollte man ihm erlauben, sich in einen ruhigen Raum zurückzuziehen und dort alleine weiterzuarbeiten. Und auch die Pausen, die ja eigentlich der Erholung dienen sollen, bedeuten für viele Autisten nur zusätzlichen Stress. Auch das ließe sich vermeiden, wenn man diesen gestatten würde, die Pausen im Gebäude, etwa in der Bibliothek zu verbringen statt auf dem lauten überfüllten Schulhof. Die Wahl des Sitzplatzes sollte man auch dem Schüler selbst überlassen. Manch einer möchte vielleicht am liebsten ganz vorne sitzen, weil so wenigstens die visuellen Reize zum größten Teil wegfallen. Außerdem kann man von dort aus besser mitbekommen, was der Lehrer sagt; die Gefahr, dass wichtige Informationen wie etwa die Hausaufgaben im allgemeinen Geräuschwirrwarr untergehen, ist hier geringer. Trotzdem macht es Sinn, wenn Lehrer diese auch immer gut lesbar an die Tafel schreiben.

Nicht nur sind Autisten von vielen Reizen schneller überlastet, sie nehmen diese auch oft viel intensiver wahr. So verfügen zum Beispiel sehr viele über eine ausgeprägte Geräuschempfindlichkeit und können sich schon an leisesten Hintergrundgeräuschen wie dem Ticken einer Uhr oder dem Surren einer Neonlampe extrem stören. Auch die Stimme eines Lehrers oder Mitschülers kann sich für einen Autisten selbst in normaler Lautstärke wie Schreien anhören und ihn in Abwehrhaltung gehen lassen – gerade Menschen mit einem etwas lauteren Organ sollten darauf achten und gegebenenfalls ihre Stimme senken. Problematisch wird es auch, wenn die Raumbeleuchtung in den Augen schmerzt, schließlich kann man nicht einfach mal so die Lampen im Klassenraum austauschen. Sehr viele Autisten haben auch ein großes Problem mit Berührungen. Hilfestellung bei Turnübungen zu bekommen war mir persönlich immer zuwider, generell verweigern viele von ihnen Aktivitäten und Spiele, bei denen man sich anfassen muss. Dies hat jedoch nichts mit Leistungsverweigerung oder Sich-Ausschließen zu tun, sondern ist eine Frage des persönlichen Raums, in den dabei eingedrungen wird, und sollte daher auch unbedingt respektiert werden! Ebenso, wenn ein Schüler aus diesem Grund lieber allein sitzen möchte. Geschubst, gestoßen oder angerempelt zu werden können Autisten schon mal gar nicht ausstehen.

Nachteilsausgleiche

Da Autisten in so manchen Bereichen Schwierigkeiten haben, ist es nur fair, ihnen dafür einen Nachteilsausgleich zu gewähren. Viele Aspies tun sich zum Beispiel schwer mit der mündlichen Mitarbeit, wohingegen sie im Schriftlichen deutlich besser sind und sich sehr präzise und gewählt ausdrücken können. Die von Lehrern oftmals geäußerten Worte: “Du kannst das doch, du musst dich nur ein bisschen mehr beteiligen” lösen hier einen regelrechten Frust aus, denn so einfach ist es eben nicht. Autisten brauchen Zeit, eine Fragestellung zu durchdenken und ihre Antwort zu formulieren. Manche neigen vielleicht auch zu selektivem Mutismus, sind also unfähig, in Stresssituationen oder vor vielen Leuten zu sprechen. Hier bestünde ein Nachteilsausgleich darin, das Mündliche nicht so stark zu bewerten. Nicht wenigen macht zudem ihre motorische Ungeschicktheit sehr zu schaffen, was sich auch negativ auf die Handschrift auswirken kann. Abhilfe kann hier geschaffen werden, indem der Schüler Klassenarbeiten auf einem Laptop schreiben darf und dafür auch etwas mehr Zeit bekommt. Auch wären viele froh, wenn bei ihnen auf die Benotung des Sportunterrichts verzichtet würde. Weiterhin besteht bei Bedarf die Möglichkeit, eine Schulbegleitung zu beantragen. Deren Aufgabe besteht nicht etwa darin, dem Kind das Lernen abzunehmen, sondern autismusbedingte Defizite auszugleichen und Hilfestellung zu geben. Dies kann zum Beispiel geschehen, in dem sie zwischen dem autistischen Kind und der Klasse vermittelt oder Aufgaben so umformuliert, dass das Kind sie besser versteht.

Sonstiges

In Stresssituationen und bei sensorischer Überlastung hilft vielen Autisten ihr selbststimulierendes Verhalten. Dazu können zum Beispiel Schaukeln oder Bewegungen mit den Händen gehören, die allesamt einen Effekt haben: Sie wirken beruhigend auf das Nervensystem. Aus diesem Grund sollte man dieses sogenannte Stimming auch nicht unterbinden, es ist ein wichtiger Bewältigungsmechanismus für den Autisten, dem man ihm auch nicht nehmen darf. Wenn manche Formen des Stimmings, wie etwa Schaukeln, zu störend sind, lassen sich auch Alternativen finden, die besser für die Teilnahme am Unterricht geeignet sind. Beispielsweise könnte man dem Kind ein formbares Bällchen in die Hand geben, welches es kneten kann.

Immer wieder bekommen Autisten zu hören, sie sollen ihr Gegenüber im Gespräch doch bitte anschauen. Mag sein, dass Blickkontakt bei uns als Zeichen der Höflichkeit gilt. Doch wenn dies dazu führt, dass der Autist sich nur schwer auf das Gesagte konzentrieren kann, sollte man es ihm nicht übel nehmen, dass er es lieber vermeidet.

Um sprachliche Missverständnisse zu vermeiden, ist eine klare, eindeutige Kommunikation unabdingbar. Viele Autisten tun sich schwer damit, “zwischen den Zeilen” zu lesen, weshalb versteckte Anspielungen und Aussagen “durch die Blume” vermieden werden sollten. Auch auf Ironie und Sarkasmus sollte verzichtet werden, da diese für Autisten ebenfalls schwer zu erkennen sind. Weiterhin ist zu beachten, dass Autisten sehr wörtlich denken, was vor allem bei Redewendungen und sonstiger bildhafter Sprache zu Irritationen führen kann. Lehrer sollten diese in jedem Fall erklären, wenn das Kind sie nicht versteht.

Oft sind Autisten auch überfordert, wenn sie mehrere Anweisungen auf einmal bekommen. Hier kann es helfen, diese klar und präzise aufzuschreiben. Wichtig ist hierbei auch, den Autisten zu ermutigen nachzufragen, wenn er etwas nicht verstanden hat. Viele haben vielleicht Hemmungen, von sich aus nachzufragen, daher sollte man ihnen als Lehrer auch unbedingt vermitteln, dass dies in Ordnung beziehungsweise sogar erwünscht ist und man deswegen nicht für blöd gehalten wird.

Klare Strukturen und feste Abläufe sind für Autisten enorm wichtig. Wenn alles seinen gewohnten Gang läuft, fühlen sie sich wohl. Nun kommt es an Schulen immer mal wieder zu Stundenausfall oder Stundenplanänderungen, bedingt durch den Ausfall der einen oder anderen Lehrkraft. Was für die Mitschüler meist ein Grund zur Freude ist, bedeutet für einen Autisten oft eine große emotionale Belastung. Leider sind viele krankheitsbedingte Ausfälle spontan und damit nicht vorhersehbar. Doch wenn eine Änderung planbar ist, die Lehrerin zum Beispiel einen Ausflug mit der Klasse unternehmen möchte, sollte man dies dem Autisten so früh wie möglich mitteilen, mindestens einen Tag vorher, damit dieser sich darauf einstellen kann.

Wenn es um die Bearbeitung von Aufgaben geht, können Aspies mitunter sehr originell sein. Nicht selten finden sie ihre ganz eigenen Wege, bestimmte Aufgaben zu lösen. Umso frustrierter sind sie, wenn der Lehrer diese nicht gelten lässt, sondern nur den vorgegebenen Lösungsweg als richtig betrachtet. Dabei sind unkonventionelle Vorgehensweisen ein Ausdruck von Kreativität und selbstständigem Denken und sollten gerade deswegen besonders geschätzt werden! Liebe Lehrer, ihr wollt euren Schülern dieses doch nicht etwa austreiben?

Unbedingt notwendig ist in meinen Augen auch die Aufklärung der Mitschüler. Wenn diese wissen, warum jemand so anders ist, besteht viel eher die Chance, dass sie denjenigen akzeptieren und sich ihm gegenüber sozial zeigen. Auch verhalten sie sich bezüglich der Lautstärke vielleicht eher rücksichtsvoll, wenn ihnen klar ist, dass zu viel Lärm den Autisten überlastet. Damit kein Neid oder Unverständnis aufkommt, ist es auch wichtig zu erklären, warum der Autist eventuell Nachteilsausgleiche bekommt – dass es sich nicht um eine Extrawurst handelt, sondern um ein Mittel, um Chancengleichheit zu wahren.

Zu guter Letzt muss noch einmal betont werden, dass Autisten, so wie “normale” Menschen auch, verschieden sind. Die Ausprägung ihrer Schwierigkeiten und auch Stärken ist individuell verschieden, nicht alle benötigen auch das gleiche Maß an Unterstützung. Mir zum Beispiel hätte es schon genügt, wenn die Lehrer einfach Verständnis für mein Anderssein gezeigt hätten, ohne immer wieder meinen fehlenden Anschluss an die Klassengemeinschaft zu thematisieren. Wenn sie, anstatt wegzusehen und sich nicht zuständig zu fühlen, mir wirklich geholfen hätten, als ich all die Jahre hindurch gemobbt wurde. Wenn sie sich hätten durchsetzen und für Ruhe sorgen können, sodass ich nicht diese permanente Lärmbelastung im Klassenzimmer hätte ertragen müssen. Lehrer zu sein erfordert weit mehr, als nur Wissen vermitteln zu können. Ich weiß nicht, ob und inwiefern es bereits der Fall ist, aber solche Besonderheiten wie Autismus sollten auf jeden Fall fester Bestandteil der Lehrerausbildung sein. Ebenso muss die Bereitschaft vorhanden sein, sich Wissen darüber anzueignen und dementsprechend verständnisvoll auf die betroffenen Schüler zuzugehen. Nur so kann verhindert werden, dass Jahr für Jahr etliche Kinder und Jugendliche als Problemfälle abgestempelt werden und leiden, weil keiner den wahren Grund für ihre Schwierigkeiten erkennt. Doch auch sie haben das Recht, zusammen mit den “Normalos” eine Regelschule zu besuchen! Ja, mag sein, dass die Inklusion eines autistischen Schülers in vielen Fällen ein besonderes Engagement von Seiten der Lehrer und auch Mitschüler erfordert, aber wer als Pädagoge nicht bereit ist, sich auch mit herausfordernden Verhaltensweisen auseinander zu setzen, der hat ganz klar seinen Beruf verfehlt.

Das wären jetzt mal meine Gedanken in Bezug auf Autismus und Schule. Ich denke, ich habe alles hineingebracht, was wichtig ist; falls euch doch noch etwas einfällt, könnt ihr es gerne in den Kommentaren ergänzen.

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